08.09.2019
500 Jahre gedruckte Geschichte – Die Pfarrbibliothek St. Michael

Am 7. September 2019 feierte die Kirchengemeinde Zeitz mit vielen Gästen das 500-jährige Bestehen der Pfarrbibliothek St. Michael. 

Fast auf den Tag genau im Jahr 1519 wurde der Grundstein zu dieser außergewöhnlichen Sammlung gelegt. Der ab 1496 an der Michaeliskirche wirkende Pfarrer Johannes Schleswig vermachte seine noch überschaubare Bibliothek von rund 30 Büchern seinem Nachfolger. Schon das ein Schatz, denn Bücher waren damals kaum zu bezahlen und mancher Diebstahl und gar Mord wurde begangen, um in ihren Besitz zu gelangen. In der Festveranstaltung, an der rund 200 Gäste teilnahmen, stellte Carolin Drescher, Mitglied der Kunstgutgruppe der Kirchengemeinde, in einem äußerst spannenden Vortrag die Geschichte der Bibliothek vor. 

Angefangen durch Pfarrer Schleswig wuchs die Bibliothek, vor allem auch durch das Wirken weiterer Pfarrer und Stiftssuperintendenten, insbesondere den aufeinanderfolgenden Mitgliedern der Familie Mitternacht, Vater, Sohn und Enkel. Allein 2000 der über 3000 Bände der Bibliothek stammen aus ihrem Besitz. Viel erfuhren die Gäste darüber, wie die Bücher im Lauf der Jahrhunderte mal besser, mal schlechter archiviert und katalogisiert wurden und welchen Risiken sie ausgesetzt waren durch Kriege, Bauschäden und andere Bedrohungen. Mit der Sanierung der Michaeliskirche in den letzten Jahren wurde auch die bauliche Voraussetzung geschaffen, die kostbare Bibliothek wieder in ihrem angestammten Raum über der Sakristei einzurichten. 

Klar, dass Frau Drescher auch genauer auf die wohl größte Kostbarkeit im Besitz der Pfarrbibliothek einging: der Originalthesendruck von 1517, einer von weltweit drei erhaltenen Originalen. Und zugleich kurios: Die Zählung endet bei Nr. 87, obwohl das Plakat alle 95 Thesen enthält. Sie waren dem Leipziger Drucker durcheinandergeraten. Heute lagert der Druck in einer eigenen Thesenkammer unter optimalen klimatischen Bedingungen. 

Im Anschluss an die spannende Vorstellung der Bibliothek und ihrer Geschichte erfuhren die Zuhörer noch allerhand aus der Welt der Bücher und Bibliotheken, nicht nur von Diebstahl und Raub. Dr. Jäger (Landeskirchenarchiv Eisenach) nahm sie mit in eine Reise des Bücherschaffens und Sammelns. Ein herzliches Grußwort durch die Dechantin der Vereinigten Domstifter, Prof. Dr. Karin Freifrau von Welck beschloss die Festveranstaltung, die auch auf musikalische Weise ein Genuss war. So erfreute das Gitarrenorchester Saitenwechsel der Musikschule Klangkiste die Gäste. Der Kinderchor der Evangelischen Grundschule sang sich in die Herzen aller und Kantorin Johanna Schulze eröffnete und beschloss die Festveranstaltung mit Orgelspiel. 

Nun wurde es aber Zeit, denn diese wunderbare Bibliothek wollten sich alle anschauen. Kein Wunder, dass sich vor dem Eingang eine Schlange bildete. Ebenso hieß es geduldig anstehen für einen Blick auf die Originalthesen sowie die erst zu diesem Anlass durch Familie Vogel (Ronneburg) hinzugestiftete Totenmaske Martin Luthers aus dem 19. Jahrhundert. Die Wartezeit wurde aber nicht lange, denn im Kirchencafé gab es leckeren Kuchen. Und vor dem Hauptportal der Michaeliskirche prägte Matthias Enzmann eigens geschaffene Gedenkmünzen, auf denen der Anfang der Thesen Luthers sowie einige Buchrücken zu sehen sind. Bleibende Erinnerung an einen denkwürdigen Tag und einen der Schätze, die in Zeitz zu entdecken sind.


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